Schlimmer als der 30jährige Krieg

Wir geben hier ein bemerkenswertes Interview mit dem Bevölkerungsforscher Herwig Birg wieder, das in der Systempresse erschienen ist. Dieser Demographieforscher hat schon mehrfach durch mahnende Worte bezüglich der dramatischen Bevölkerungsentwicklung in Deutschland auf sich aufmerksam gemacht. Dabei kritisiert er die Untätigkeit "unserer" Politiker scharf und macht auch vor dem von den "Zeitgeistmachern" unterdrückten Thema Einwanderung nicht halt.


Schlimmer als der 30-jährige Krieg
   
Deutschland vergreist. Der Bevölkerungsforscher Herwig Birg über die Geburtenkrise und mögliche Auswege


DIE WELT: Unsere demographische Uhr steht auf "dreißig Jahre nach zwölf", behaupten Sie. Das klingt nach einem Katastrophisten.

Herwig Birg: Überhaupt nicht. Ich bin ein Realist, der sich bemüht, die Dinge so darzustellen, wie sie sind. Man muß nichts übertreiben.

DIE WELT: Wenn demographisch alles zu spät ist, wären wir der Zukunft hilflos ausgeliefert.

Birg: Das ist ein großer Irrtum! Die Welt dreht sich weiter, auch wenn wir nicht mehr da sind. Für diese Zeit - also die unserer Kinder und Enkel - lohnt es sich, aktiv zu werden. Die Früchte dieser Anstrengungen können wir allerdings nicht mehr ernten.

DIE WELT: Niedrige Geburtenraten, die nicht zur Bestandserhaltung reichen, plagen fast alle Industriestaaten. Was war dafür ausschlaggebend? Die Pille oder der Kapitalismus?

Birg: Die Pille wird völlig überschätzt. Sie war nur Mittel, ein Ziel zu erreichen, das man ohnehin hatte - nämlich keine Kinder zu haben. Die Pille ist also nicht ursächlich, sondern bestenfalls verstärkend. Und der Kapitalismus? Der Ökonom Joseph Schumpeter sprach von der Selbstausbeutung des Kapitalismus in demographischer Hinsicht. Wenn der Wohlstand wächst, sinkt die Geburtenrate, weil in entwickelten Ländern wie Deutschland Kinder für die Eltern häufig einen Wohlstandsverlust bedeuten. Diese Selbstausbeutung nach innen ist inzwischen gepaart mit der demographischen Ausbeutung anderer Länder. Hier tritt ein neuer Kolonialismus zutage: Wir wollen die Besten importieren und profitieren von Menschen, die anderswo eine Lücke hinterlassen. Das ist desaströs.

DIE WELT: Sie sprechen von der "objektiven Bindungsfeindlichkeit der Lebensbedingungen dynamischer Wirtschaftsgesellschaften". Brauchen wir ein anderes Wertebewußtsein?

Birg: Ich halte nichts von diesem Wertegerede. Wir müssen die Wirtschaft um die Familie herum aufbauen und dürfen nicht von der Familie verlangen, daß sie sich an die Produktionsabläufe anpaßt.

DIE WELT: Was heißt das konkret?

Birg: Frankreich beispielsweise bietet Menschen, die Kinder haben wollen, hervorragende Betreuungseinrichtungen. Ab dem Vorschulalter sorgen gute Einrichtungen für Erziehungsleistungen, die berufstätige Frauen nicht nebenher leisten können. Es ist nicht schwer, um auf solche Lösungen zu kommen, trotzdem geschieht bei uns nichts in dieser Richtung. Es muß in den Köpfen eine Revolution stattfinden, die den Realitätssinn schärft und das Verantwortungsgefühl stärkt.

DIE WELT: Wie ist es geschehen, daß Kinder keine selbstverständliche, natürliche Sache mehr sind? Ist das ein Kulturbruch?

Birg: Ja, es ist eine bewußte Entwertung von allem, was mit Familie verbunden ist. Im Gefolge der Frankfurter Schule und der 68er Bewegung kristallisierte sich auch eine antifamiliäre Kampagne heraus. Sie kulminierte in Aussagen, daß man unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten auf Kinder verzichten könne, weil der Faktor Kapital immer produktiver werde. Ein Irrtum! Wenn die Pro-Kopf- Produktivität um 1,5 Prozent wächst, dann verdoppelt sie sich zwar bis 2050. Wenn aber gleichzeitig die Zahl der Köpfe so wie bisher schrumpft, dann ist das Sozialprodukt 2050 nur um ein Drittel höher. Weil von diesem mäßig größeren Kuchen wesentlich mehr für die Versorgung der bis dahin um zehn Millionen gewachsenen Zahl der Älteren verwendet werden muß, wird es knapp. Das ist mit einfachen Methoden ableitbar. Gerade deshalb kann ich mir die Verdrängung nicht wirklich erklären. Es ist nicht Unfähigkeit, darüber nachzudenken, sondern Unwilligkeit.

DIE WELT: Trügt der Eindruck, daß Demographen und Ökonomen sich kaum etwas zu sagen haben?

Birg: Ich selbst bin Volkswirt und kenne deshalb meine Kollegen gut. Demographie paßt nicht in das enge Tunneldenken der Wirtschaftswissenschaftler heutiger Prägung. Der Ökonom optimiert Nutzenziele und steigert die Effizienz der dafür eingesetzten Mittel. Aus dieser Sicht ist der Mensch Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Mit der Familie kann die Ökonomie wenig anfangen. Sie wird gebraucht, weil sie Arbeitskräfte erzeugt und diese mit Bildung ausstattet. Kinder werden unverblümt als Konsumgüter bezeichnet, die für die Eltern Nutzen abwerfen, Kosten verursachen und nur dann angeschafft werden, wenn die Nutzen-Kosten- Bilanz für die Eltern positiv ist - ein in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur übliches Vokabular. Das bereitet mir Sorgen. Der Nobelpreisträger für Ökonomie, Paul A. Samuelson, sagte einmal, ein Mensch, der ökonomisch rational handelt, könne keine Kinder haben.

DIE WELT: Sie plädieren für Bevölkerungspolitik, ein Begriff, der seit der Nazi-Zeit kontaminiert ist.

Birg: Wir legen größten Wert auf ökologisch nachhaltiges Handeln. Gesellschaftlich ist das anders. Wenn ein Land den Bach heruntergeht, kann es kein Trost sein, daß Schmetterlinge oder Singvögel überleben. Schließlich ist der Mensch auch eine natürliche Spezies. Gegen den Begriff Bevölkerungspolitik habe ich dann nichts, wenn wir ihn mit einem humanen Inhalt füllen. Das ist möglich, man muß unter Bevölkerungspolitik nicht das gleiche wie die Nazis verstehen.

DIE WELT: Die vielzitierte Bringschuld der Wissenschaft wurde von der Politik nicht angenommen, sagen Sie. Sind das Anmerkungen eines "Frustrierten"?

Birg: Ich bin nicht frustriert. Es ist eher eine Traurigkeit, die mich gelegentlich befällt, gepaart mit Zorn, weil die Elite sich so verhält, als ob sie das Land aufgegeben habe. Daß Gleichgültigkeit die Ursache der Ignoranz ist, habe ich lange nicht wahrhaben wollen. Im zurückliegenden Wahlkampf haben wir erneut ein Allparteien-Schweigekartell gegen die existenzbedrohende demographische Fehlentwicklung erleben können. Die Parteien täuschen sich über die Zukunft unseres Landes, und so wird zugleich der Rest der Gesellschaft mitgetäuscht.

Die WELT: Was sind die Eckpunkte einer solchen Politik?

Birg: Bildung und Familie. Wir müssen die Familie stärken, ideell, materiell und institutionell. Warum führen wir kein Familienwahlrecht ein? Die Eltern erhalten das Stimmrecht ihrer noch nicht wahlberechtigten Kinder - der Vater das des Sohnes und die Mutter das der Tochter. Bei der Besetzung von Stellen könnten wir bei gleicher Qualifikation Müttern Vorrang vor den Frauen geben, die keine Kinder haben. Warum führt man das nicht zumindest im öffentlichen Dienst ein?

DIE WELT: Ihr neues Buch heißt "Die ausgefallene Generation". Handelt es sich bei diesem deutschen Phänomen um eine historisch singuläre Erscheinung?

Birg: Ein ähnliches Desaster hat Frankreich nach der französischen Revolution erlebt. Bei uns wirkten die beiden Weltkriege demographisch nicht so verheerend wie der dauerhafte Geburtenrückgang, der nach dem Wirtschaftswunder einsetzte. Er ist für Jahrzehnte unumkehrbar, weil Nichtgeborene selbst bei der besten Familienpolitik keine Kinder haben können. Das garantiert uns im gesamten 21. Jahrhundert sinkende Geburtenzahlen.

DIE WELT: Für die Bevölkerung war der Prozeß kaum wahrnehmbar, weil die Einwohnerzahl nicht abnahm, sondern sogar leicht stieg.

Birg: Ursache ist die extrem hohe Einwanderung. Auch hier hat die Politik zielbewußt an einem falschen Selbstbild Deutschlands gemalt. Man hat uns lange gesagt, wir müßten anderen Ländern nachstreben und bei der Einwanderung höhere Leistungen vollbringen. Es kommen jedes Jahr immer noch etwa 700 000 bis 800 000 Menschen - mehr als unsere Geburtenzahlen im Inneren. Auf diesem Gebiet übertreffen wir gemessen an unserer Größe die USA, Kanada oder Australien und sind Weltmeister.

DIE WELT: Weltmeister sind wir laut Ihren Untersuchungen auf zwei weiteren Feldern. Auf welchen?

Birg: Zunächst sind wir das Land, das permanent - Jahr für Jahr - mehr Sterbefälle als Geburten ausweist. Daran läßt sich nun auf Jahrzehnte hinaus nichts mehr ändern, denn die Eltern, die das ändern könnten, sind niemals geboren worden. Bis zur Jahrhundertmitte wird das Geburtendefizit um mehrere hundert Prozent steigen - eine wissenschaftlich abgesicherte Aussage, die mittlerweile auch in der amtlichen Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes veröffentlicht ist. Die Schieflage hat sich im Osten seit 1969 und im Westen 1972 eingestellt. Der andere Weltrekord: Wir haben einen einzigartigen Grund für niedrige Geburtenraten: Die Gesellschaft ist in zwei Teilgesellschaften gespalten. Die eine hat eine ideale Geburtenrate von zwei Kindern und die andere hat eine Geburtenrate von null. Der Anteil kinderloser Frauen liegt bei einem Drittel eines Jahrgangs, sogar 50 Prozent sind es bei naturwissenschaftlichen Akademikerinnen. Das findet man sonst nirgendwo. Unsere Verfassung paßt nicht auf beide Teilgesellschaften. Sie ist so gebaut, als ob mehr oder weniger alle Mitglieder der Gesellschaft Kinder bekommen wollten und bekämen und sich damit an der Zukunftssicherung der Sozialsysteme beteiligen würden.

DIE WELT: Weltweit ohne Vergleich ist doch wohl auch das Tempo, mit dem sich die Umwälzungen in Ostdeutschland(*) vollziehen?

Birg: In Ostdeutschland(*) sind wir Zeugen einer demographischen Katastrophe. Ich zweifle, ob das jemals wieder ins Lot kommen kann. Da taugt nicht einmal der Dreißigjährige Krieg als Vergleich. Der endete nach drei Jahrzehnten mit einem Frieden und alles ging wieder nach oben. In Ostdeutschland(*) haben wir eine längere Durststrecke vor uns. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft. Wer soll in einer Region investieren, wenn die Weichen dauerhaft auf Schrumpfen gestellt sind? Ein Problem, das keine Lösung hat, verschweigt man rationalerweise. Aber die Prozesse gehen weiter. Nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Die wirtschaftsstarken Länder Bayern und Baden-Württemberg können zwar noch bis 2030 mit Bevölkerungswachstum rechnen, aber nur auf Kosten der Länder im Osten und Norden, aus denen sie hohe Zuwanderungen haben, durch die ihre steigenden Geburtendefizite noch eine Zeitlang ausgeglichen werden. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß anschließend dort ebenfalls die Schrumpfung einsetzt.

DIE WELT: Wird das wirklich verdrängt? Denken Sie nur an "Das Methusalem-Komplott", ein Buch, das auf die Bestsellerlisten gestürmt ist.

Birg: Das Buch von Frank Schirrmacher war in der Tat ein Eisbrecher. Der Autor hat die Gesellschaft wachgerüttelt. Das ist ein großes Verdienst, auch wenn das Buch auf der nicht zutreffenden These beruht, die wachsende Lebenserwartung sei die Hauptursache für die demographische Alterung. Das ist falsch, die weitaus wichtigste Ursache ist die niedrige Geburtenrate. Zwar werden wir älter und die Zahl der Methusaleme nimmt zu. Die Zahl der über 110jährigen wird sich voraussichtlich von heute etwa 5000 bis zur Jahrhundertmitte auf über 100 000 erhöhen. Diese Menschen werden wahrscheinlich friedlich vor sich hindämmern, aber kein Komplott schmieden.

DIE WELT: Uns scheint Demographie längst ein Modethema zu sein. Flächendeckend ernennen Städte Demographie-Beauftragte, Kongresse haben Hochkonjunktur.

Birg: Auf vielen Veranstaltungen geht es um "Die Chancen der Schrumpfung" oder den "Wachstumsmotor Altern". Das ist die Infantilisierung des Publikums durch Verharmlosung eines ernsten Problems. Man bemüht sich krampfhaft darum, nicht über die zentrale Ursache der demographischen Alterung - die niedrige Geburtenrate - zu reden, sondern zu vermitteln, wie toll man mit den Auswirkungen umgehen kann. Selbsternannte Demographie-Experten rechnen vor, daß es "ökonomisch dumm wäre, die Bevölkerung wieder zum Wachstum durch Geburten anzuregen". Diese Form der Desinformation erinnert fast an die kommunistische Ära.

(*) gemeint ist Mitteldeutschland



Ein weiterer interessanter Aufsatz von Herwig Birg in der
Frankfurter Allgemeine (28.06.2006):
Unser Verschwinden würde gar nicht auffallen

"Die Welt", 05.10.05
NPD Göttingen - Deutschland
25.10.05